SenoMune-0257 im Faktencheck: Heilt dieses Peptid wirklich Krebs?

Dieser Artikel dient der allgemeinen Aufklärung. Er ist keine medizinische Beratung und keine Empfehlung, dir irgendetwas zu besorgen oder es anzuwenden. SenoMune-0257 ist nirgends erhältlich und wurde noch nie an einem Menschen erprobt. Eine Dosis dafür gibt es nicht, und wir nennen auch keine.
Das Wichtigste in Kürze
Am 24. Oktober 2026 pries ein Beitrag auf X SenoMune-0257 als „cancer curing peptide“ (krebsheilendes Peptid) an und versprach Studien am Menschen bis Jahresende. Er stützt sich auf eine Pressemitteilung des US-Unternehmens Immorta Bio. Sie beschreibt ein Peptid aus neun Aminosäuren, das dem Immunsystem helfen soll, gealterte Zellen zu beseitigen. Daten enthält sie keine, ein Anwendungsgebiet nennt sie nicht.
Den Bezug zu Krebs hat allerdings das Unternehmen selbst hergestellt: Sein Forschungschef hatte SenoMune-0257 am Vortag eine „cancer immunotherapy“ genannt, also eine Krebs-Immuntherapie. Der Beitrag machte daraus „cancer curing“, krebsheilend – und dafür findet sich in keiner Quelle ein Beleg.
Unser Urteil: Der Beitrag geht weit über seine Quellen hinaus. Zu SenoMune-0257 ist nichts veröffentlicht, im Studienregister steht keine Studie am Menschen, und die Sequenz des Peptids ist nicht öffentlich. Die vorhandenen Fachartikel handeln von einem anderen Produkt namens SenoVax. Sie beruhen auf Versuchen an Mäusen und Zellkulturen, und sie stammen vom Unternehmen selbst.
Der virale Beitrag
Der Beitrag von @ItsPeptime kam bis zum 26. Oktober auf rund 190.000 Aufrufe, 5.100 Likes und 457 Reposts. Er beginnt so: „BREAKING: Cancer Curing peptide Senomune-0257 just completed pre-clinical studies successfully, promising human trials by end of year.“ Auf Deutsch: Eilmeldung! Das krebsheilende Peptid Senomune-0257 hat gerade erfolgreich die präklinischen Studien abgeschlossen, Studien am Menschen sollen bis Jahresende folgen.
Weiter heißt es: „This new peptide mimics cells which attack cancers, amplifying the bodies natural immune response!“ Auf Deutsch: Dieses neue Peptid ahmt Zellen nach, die Krebs angreifen, und verstärkt so die natürliche Immunantwort des Körpers!
Angelegt wurde der Account im Januar 2026. Im Profil fordert er dazu auf, auf der eigenen Website „99% pure USA peptides“ zu kaufen, also zu 99 Prozent reine Peptide aus den USA. Die Website bezeichnet sich selbst als „The American Peptide Vendor“ (der amerikanische Peptidhändler).
Etwa 22 Stunden vor dem viralen Beitrag hatte sich Thomas Ichim zu Wort gemeldet, Forschungschef von Immorta. Er verkündete auf X, sein Unternehmen habe „the first cancer immunotherapy that fights aging“ entdeckt, also die erste Krebs-Immuntherapie, die das Altern bekämpft. Sein Beitrag kam bis zum 26. Oktober auf rund 153.000 Aufrufe.
Den Krebsbezug hat der virale Beitrag also nicht erfunden, ihn aber noch einen Schritt weitergetrieben. Aus der „cancer immunotherapy that fights aging“ wurde „cancer curing“ – krebsheilend. Dieses Wort haben wir in keiner Äußerung des Unternehmens gefunden.
Was Immorta Bio tatsächlich angekündigt hat
In der Pressemitteilung vom 12. Oktober 2026 geht es um „an AI-designed peptide immunotherapy“, eine mit KI entworfene Peptid-Immuntherapie. Für sie meldet Immorta die „completion of its planned preclinical studies“, den Abschluss der geplanten präklinischen Studien. Präklinisch heißt: Gearbeitet wird im Labor, bevor ein Mittel zum ersten Mal an Menschen erprobt wird.
Das Produkt beschreibt die Firma als „a synthetic nine-amino-acid peptide designed to stimulate targeted immune responses against senescent cells“. Auf Deutsch: ein künstlich hergestelltes Peptid aus neun Aminosäuren, das gezielte Immunreaktionen gegen gealterte, sogenannte seneszente Zellen anregen soll.
Nach Angaben des Unternehmens aktiviert das Peptid Immunzellen, die andere Zellen abtöten (zytotoxische T-Zellen). Diese sollen seneszente Zellen beseitigen, „while sparing healthy cells under the conditions tested“ (und dabei unter den getesteten Bedingungen gesunde Zellen verschonen).
Die Mitteilung nennt das Produkt „potentially universal, off-the-shelf“, also möglicherweise universell einsetzbar und als Fertigpräparat verfügbar. Eine „initial human evaluation“, eine erste Erprobung am Menschen, erwartet das Unternehmen noch vor Ende 2026.
Eine Aminosäuresequenz sucht man in der Mitteilung vergeblich, ebenso ein Zielprotein oder den Gewebetyp, auf den das Peptid abgestimmt ist (seine HLA-Restriktion, dazu später mehr). Zahlen aus Experimenten nennt sie keine, und ob es Tierversuche gab, lässt sie offen.
Auch ein Studienzentrum, eine Teilnehmerzahl oder ein Antrag bei der US-Arzneimittelbehörde FDA kommen nicht vor. Der Haftungsausschluss der Mitteilung hält selbst fest, dass SenoMune-0257 „remains investigational, and its safety and efficacy have not been established in humans“. Auf Deutsch: Das Mittel ist noch in der Erprobung, Sicherheit und Wirksamkeit beim Menschen sind nicht belegt.
Satz für Satz: der Beitrag im Abgleich mit den Quellen
| Der Beitrag behauptet | Was die Quellen sagen |
|---|---|
| „Cancer Curing“ (krebsheilend) | Das steht in keiner Quelle. Ichims eigener Beitrag spricht von einer „cancer immunotherapy that fights aging“ (Krebs-Immuntherapie gegen das Altern), und das ist eine Beschreibung, kein Ergebnis. Die Pressemitteilung nennt für SenoMune-0257 weder ein Anwendungsgebiet bei Krebs noch irgendwelche Krebsdaten. |
| „completed pre-clinical studies successfully“ (präklinische Studien erfolgreich abgeschlossen) | Die Mitteilung meldet die „completion of its planned preclinical studies“ (Abschluss der geplanten präklinischen Studien). Das Wort „successfully“ (erfolgreich) fällt dort nicht, und Ergebnisse zeigt sie keine. |
| „promising human trials by end of year“ (Studien am Menschen bis Jahresende versprochen) | In der Mitteilung steht „initial human evaluation anticipated before year-end“ (erste Erprobung am Menschen vor Jahresende erwartet). Registriert ist bislang keine Studie. |
| „mimics cells which attack cancers“ (ahmt Zellen nach, die Krebs angreifen) | Das steht in keiner Quelle. Laut Mitteilung regt das Peptid T-Zellen an, gegen seneszente Zellen vorzugehen. Eine Zelle ahmt es nicht nach. |
| „amplifying the bodies natural immune response“ (verstärkt die natürliche Immunantwort des Körpers) | In dieser Form steht das nirgends. Die Mitteilung verwendet die Formulierung „restore the immune system's ability“ (die Fähigkeit des Immunsystems wiederherstellen). |
Zwei Zeilen der Tabelle wiegen besonders schwer. Zum „cancer curing“: Zu diesem Peptid sind keinerlei Krebsdaten veröffentlicht, weder von Patienten noch von Mäusen noch aus Zellen in der Kulturschale. Das Unternehmen berichtet zwar von Laborarbeit, nennt aber keine Zahlen. Krebsergebnisse hat die Firma bisher nur für ihr älteres Produkt SenoVax vorgelegt, und zwar aus Versuchen an Mäusen.
Mit „mimics cells“ (ahmt Zellen nach) ist der Wirkmechanismus falsch beschrieben. Nach der Darstellung des Unternehmens ist das Peptid ein kurzes Eiweißbruchstück, das den T-Zellen zeigt, was sie angreifen sollen – keine Kopie einer Zelle.
Was seneszente Zellen sind und warum die Forschung sie loswerden will
Die meisten Körperzellen teilen sich eine Zeit lang und hören dann damit auf (Hayflick und Moorhead, 1961). Zellen, die sich dauerhaft nicht mehr teilen, aber auch nicht absterben, nennt man seneszente Zellen; populärwissenschaftlich ist oft von „Zombie-Zellen“ die Rede. Sie senden Entzündungssignale aus (Coppé et al., 2008) und sammeln sich mit den Jahren an.
Bei Mäusen hat es sich als nützlich erwiesen, diese Zellen zu entfernen. 2011 beseitigten Baker und Kollegen seneszente Zellen auf genetischem Weg bei Mäusen, die ungewöhnlich schnell altern; altersbedingte Veränderungen setzten daraufhin später ein.
2016 wiederholte dieselbe Gruppe den Versuch an gewöhnlichen Mäusen, beginnend im Alter von einem Jahr. Ihre mediane Lebensdauer, also das Alter, bis zu dem die Hälfte der Tiere gestorben war, nahm zu, und Tumoren traten später auf.
2018 behandelten Xu und Kollegen alte Mäuse mit zwei Wirkstoffen, Dasatinib und Quercetin. Gerechnet ab Behandlungsbeginn überlebten die Tiere dadurch 36 Prozent länger.
Beim Menschen sind die Ergebnisse weniger eindeutig. In einer Pilotstudie mit 14 Menschen, die an einer Lungenkrankheit namens idiopathische Lungenfibrose litten, verbesserten die beiden Mittel die körperliche Leistungsfähigkeit, nicht aber die Lungenfunktion. Eine Vergleichsgruppe gab es nicht. Im August 2020 meldete UNITY Biotechnology, dass UBX0101 bei 183 Menschen mit Kniearthrose nicht besser abgeschnitten hatte als ein Placebo.
Andere Arbeitsgruppen haben bei Mäusen das Immunsystem gegen seneszente Zellen in Stellung gebracht. Sie nutzten dafür gentechnisch veränderte Immunzellen (Amor et al., 2020) oder einen Impfstoff gegen das Seneszenz-Protein GPNMB (Suda et al., 2021). Beide Arbeiten nennen das Protein, auf das sie zielen. Immorta hat das bisher nicht getan.
Beim Thema Krebs wird es komplizierter. Seneszenz ist eine der Bremsen, mit denen der Körper Tumoren aufhält. Das Immunsystem kann solche Zellen beseitigen, wie Kang und Kollegen an Leberzellen in einem Krebsvorstadium gezeigt haben. Signale seneszenter Zellen können aber auch das Tumorwachstum fördern (Krtolica et al., 2001; Campisi, 2013). Sie zu beseitigen heißt also nicht, Krebs zu heilen.
Was „neun Aminosäuren“ verrät
Fast jede Zelle trägt auf ihrer Oberfläche spezielle Moleküle (MHC-Klasse I), mit denen sie dem Immunsystem kurze Eiweißbruchstücke aus ihrem Inneren vorzeigt. Diese Bruchstücke sind meist 8 bis 10 Aminosäuren lang (Wieczorek et al., 2017). T-Zellen kontrollieren sie und greifen jede Zelle an, die ein verdächtiges Stück präsentiert.
Nach dem, was die Firma bisher mitgeteilt hat, sieht SenoMune-0257 deshalb wie ein klassischer Peptidimpfstoff aus. Es zeigt dem Immunsystem ein Bruchstück, nach dem es Ausschau halten soll. Daraus ergeben sich zwei Probleme.
Das erste Problem ist der Gewebetyp. Beim Menschen heißen diese Moleküle HLA, und ihre Varianten unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Ein bestimmtes Bruchstück aus neun Aminosäuren passt meist nur zu einigen davon. In seiner Patentanmeldung zu einem zellbasierten Ansatz bespricht Immorta solche Studien, darunter eine mit „HLA-A*0201-restricted peptides“ (Peptiden, die nur zu dieser einen HLA-Variante passen).
Zu welchem HLA-Molekül SenoMune-0257 passt, hat Immorta nicht veröffentlicht.
Nehmen wir als Beispiel HLA-A*02:01, eine der häufigsten Varianten. Laut der Allele Frequency Net Database (Gonzalez-Galarza et al., 2020) entfallen in großen europäischen Registern etwa 28 Prozent der Genkopien auf sie. Bei Afroamerikanern sind es etwa 12 Prozent, bei Spendern chinesischer Herkunft im US-Spenderregister (NMDP) etwa 9 Prozent.
Jeder Mensch besitzt von jedem HLA-Gen zwei Kopien, eine von jedem Elternteil. Grob überschlagen trägt deshalb etwa die Hälfte der Menschen europäischer Herkunft mindestens eine Kopie (48 Prozent). Bei Afroamerikanern ist es etwa jeder Vierte (23 Prozent), bei den Spendern chinesischer Herkunft etwa jeder Fünfte (18 Prozent).
Selbst wenn SenoMune-0257 genau auf diese Variante zugeschnitten wäre, trüge etwa die Hälfte der Europäer sie gar nicht. Mit dem Wort „universal“ (universell) verträgt sich das schlecht. Manchmal passt ein Peptid zu mehreren verwandten Varianten und erreicht so mehr Menschen. Ohne die Sequenz lässt sich das aber nicht beurteilen.
Das zweite Problem ist die bisherige Bilanz von Peptidimpfstoffen gegen Krebs. 2004 werteten Rosenberg, Yang und Restifo ihre eigenen Krebsimpfstoff-Studien mit 440 Patienten aus. Ihr Fazit: „the objective response rate was low (2.6%)“ (die objektive Ansprechrate war gering, 2,6 Prozent). Bei weniger als drei von hundert Patienten schrumpfte der Tumor also messbar.
Auf ein verwandtes Problem hat Immorta selbst in einem Übersichtsartikel von 2024 hingewiesen: „single-antigen approaches leave open the possibility of immune editing and immune escape“. Auf Deutsch: Ansätze mit nur einem Antigen lassen die Möglichkeit von Immun-Editing und Immunflucht offen.
Vereinfacht gesagt: Richtet ein Impfstoff das Immunsystem nur auf ein einziges Ziel aus, können Zellen entwischen, die dieses Ziel nicht mehr zeigen. SenoMune-0257 ist genau so ein einzelnes Peptid.
Was bisher veröffentlicht ist
Zu SenoMune-0257 haben wir keinen Fachartikel, keinen Preprint und kein Patent gefunden. Eine Literatursuche nach dem Namen ergab nur einen gleichnamigen Kosmetikinhaltsstoff, der nichts damit zu tun hat: Senomune, einen Extrakt aus Grünteewurzeln. Patentanmeldungen werden erst etwa 18 Monate nach Einreichung öffentlich; eine neue wäre also womöglich noch nicht einsehbar. Alles, was Immorta veröffentlicht hat, betrifft das frühere Produkt SenoVax.
Im ersten SenoVax-Artikel, erschienen im November 2025 im Journal of Translational Medicine, war SenoVax ein Zellprodukt und kein Peptid. Dafür wurden Immunzellen mit Material aus Zellen beladen, die man im Labor mit dem Chemotherapeutikum Doxorubicin in die Seneszenz getrieben hatte.
Die Mäuse, 10 pro Gruppe, trugen verpflanzte Tumoren der Lunge, des Gehirns, der Bauchspeicheldrüse oder der Brust. Die Tumoren wuchsen langsamer, und mit einer bestimmten Art von T-Zellen (CD8+) ließ sich der Schutz übertragen. Prozentwerte und Überlebensdaten nennt der Text nicht. Wie viele seneszente Zellen im Gewebe steckten, wurde nicht gemessen; das überlassen die Autoren „future studies“ (künftigen Studien).
Im zweiten Artikel vom Juni 2026 ist SenoVax dagegen ein Impfstoff „comprising adjuvanted peptides derived from senescence-associated proteins“ (aus Peptiden mit Wirkverstärker, abgeleitet von typischen Proteinen seneszenter Zellen). Unter demselben Namen beschreiben die beiden Arbeiten also zwei verschiedene Produkte.
Diesmal hatten die Mäuse entweder einen chemisch ausgelösten Leberschaden (CCl₄), oder sie bekamen Doxorubicin als Modell für beschleunigtes Altern. Im Doxorubicin-Modell gab es fünf Gruppen mit je 10 Tieren. Sie bekamen nur Kochsalzlösung, nur Doxorubicin oder Doxorubicin zusammen mit SenoVax, mit Immortas Stammzellprodukt oder mit beidem.
Im Leberschaden-Modell senkte die Kombination zwei Leberwerte im Blut (AST und ALT) um 58 bis 62 Prozent. Jede der beiden Behandlungen allein senkte sie um 32 bis 40 Prozent.
Beim Ergebnis zur „Lebensdauer“ muss man genau hinsehen. Laut einer Abbildung bekamen die Mäuse Doxorubicin „5 mg/kg three times per week … until death“, also dreimal pro Woche bis zum Tod. Gemessen wurde demnach das Überleben unter fortlaufender Chemotherapie, nicht die natürliche Lebensdauer.
Alle Mäuse, die nur Doxorubicin bekamen, waren bis Tag 30 gestorben. Mit der Kombination lebten an Tag 35 noch 50 Prozent, an Tag 40 noch 20 Prozent.
Zwei Leserbriefe an die Fachzeitschrift stellen die Arbeit in Frage. Chen und Sun schrieben im Oktober 2026: „survival during ongoing doxorubicin exposure should not be described as lifespan extension“. Auf Deutsch: Überleben unter fortlaufender Doxorubicin-Gabe sollte man nicht als Lebensverlängerung bezeichnen. Zudem nenne der Methodenteil 2 mg/kg einmal pro Woche, die Abbildungen aber 5 mg/kg dreimal pro Woche.
Der zweite Leserbrief, von Xie und Kollegen, bezieht sich auf den ersten Artikel. Er ist freundlich im Ton, fragt aber nach der Langzeitsicherheit: „The immune damage of physiological sites (e.g. sites of tissue repair) was not investigated.“ Auf Deutsch: Ob die Immunreaktion gesundes Gewebe schädigt, etwa dort, wo der Körper Gewebe repariert, wurde nicht untersucht.
Der zweite Artikel nennt außerdem Effektstärken, genauer Cohens d. Dieser Wert gibt an, wie deutlich sich zwei Gruppen unterscheiden; ab 0,8 gilt ein Effekt üblicherweise schon als groß. Im Artikel reichen die mittleren Effektstärken bis 27, einzelne Werte sogar bis 55. So große Unterschiede verlangen nach einer Bestätigung durch unabhängige Labore.
Beide Artikel geben an, die Veröffentlichung „was funded by Immorta Bio Inc.“ (wurde von Immorta Bio Inc. finanziert). Drei der Autoren, darunter Ichim, werden als Führungskräfte und Anteilseigner des Unternehmens genannt. Das ist ordnungsgemäß offengelegt. Es bedeutet zugleich, dass sämtliche veröffentlichten SenoVax-Daten vom Unternehmen selbst stammen.
Was angekündigt wurde – und was daraus wurde
Seit 2024 hat Immorta immer wieder Schritte in Richtung Studien am Menschen angekündigt.
| Datum | Was das Unternehmen mitteilte |
|---|---|
| Juli 2024 | Die Firma reicht für SenoVax bei fortgeschrittenem Lungenkrebs einen Antrag auf Erprobung am Menschen ein (IND, Aktenzeichen 30745). SenoVax ist damals ein Zellprodukt aus körpereigenen Zellen der Patienten. |
| Oktober 2024 | Als Ziel nennt die Firma: „complete the Phase I/IIa trial by Q3 2025“ (die Studie der Phase I/IIa bis zum dritten Quartal 2025 abschließen). |
| September 2025 | Ein Herstellungslauf sei „the remaining step prior to IND clearance“ (der letzte noch fehlende Schritt vor der Freigabe des IND). |
| Dezember 2025 | „completing the required GMP manufacturing run to enable initiation“ (man schließe gerade den vorgeschriebenen GMP-Herstellungslauf ab, damit die Studie beginnen kann). |
| Januar 2026 | Die Überschrift lautet „Doubles Mouse Lifespan“ (verdoppelt die Lebensdauer von Mäusen). SenoVax sei „currently under FDA review“ (werde derzeit von der FDA geprüft). |
| März 2026 | Für Mausmodelle des Alterns meldet die Firma „~73% increase in mean survival and ~84% extension of median lifespan“ (rund 73 Prozent längere mittlere Überlebenszeit und rund 84 Prozent längere mediane Lebensdauer). |
| Juni 2026 | Zum Erscheinen des zweiten Artikels heißt es: „over 70% lifespan extension“ (mehr als 70 Prozent längere Lebensdauer). |
| Oktober 2026 | Für SenoMune-0257 seien die präklinischen Studien abgeschlossen: „initial human evaluation anticipated before year-end“ (eine erste Erprobung am Menschen werde vor Jahresende erwartet). |
| 26. Oktober 2026 | Das Studienregister ClinicalTrials.gov verzeichnet zu SenoVax, SenoMune und Immorta 0 Studien. |
Für ihr Modell des beschleunigten Alterns nannte die Firma also erst „doubled“ (verdoppelt), dann 73 und 84 Prozent, zuletzt „over 70%“ (mehr als 70 Prozent). Der Fachartikel selbst gibt für eine Verlängerung der Lebensdauer gar keinen Prozentwert an.
Die IND-Nummer 30745 ist keine Genehmigung, sondern ein Aktenzeichen, das die FDA einem Antrag zuteilt. Im Januar 2026 hieß es vom Unternehmen, die FDA prüfe den Antrag; ob er inzwischen freigegeben wurde, ist öffentlich nicht zu erkennen.
Immorta hat bei der US-Börsenaufsicht SEC Meldungen nach Form D eingereicht, wie sie für eine Privatplatzierung vorgeschrieben sind. Aus ihnen geht hervor, dass Immorta ein privates Unternehmen ohne Umsatz ist, 2023 im US-Bundesstaat Delaware gegründet. Seit November 2024 sammelt es Geld bei privaten Investoren ein.
Die jüngste Meldung vom 16. Oktober 2026 weist Verkäufe über 612.503 US-Dollar an sechs Investoren aus, bei einem Angebot von bis zu 5 Millionen US-Dollar. Eine frühere Meldung vom 8. Januar 2026 nannte 450.000 von 500.000 angebotenen US-Dollar.
Kann man SenoMune-0257 kaufen?
Nein. Die Sequenz ist nicht veröffentlicht – wer etwas unter diesem Namen anbietet, kann also gar nicht wissen, was er da herstellt. Eine Websuche am 26. Oktober 2026 fand keinen Shop, der es führt; Messenger-Kanäle hat sie allerdings nicht erfasst. Ein Kosmetikinhaltsstoff aus Grünteewurzeln trägt denselben Namen, hat aber nichts damit zu tun.
Vielleicht ist dir in diesem Zusammenhang auch FOXO4-DRI begegnet, ein Peptid, das seneszente Zellen gezielt absterben lassen soll. In einer Studie, die Baar und Kollegen 2017 veröffentlichten, verbesserte es bei alten Mäusen Fitness, Fell und Nierenfunktion. Eine Studie am Menschen gab es nie. Was darüber bekannt ist und was nicht, fasst unsere Monographie zu FOXO4-DRI zusammen.
So prüfst du eine „Durchbruch“-Meldung selbst
- Geh zur Originalquelle, also zur Pressemitteilung oder zur Studie, und lies nach, was dort tatsächlich steht.
- Prüfe, ob es einen begutachteten Fachartikel gibt oder nur eine Pressemitteilung, die das Unternehmen selbst verfasst hat.
- Finde heraus, ob die Ergebnisse von Menschen, von Tieren oder von Zellen in der Kulturschale stammen.
- Such im Studienregister ClinicalTrials.gov nach dem Wirkstoff und dem Unternehmen, denn dort werden Studien am Menschen in aller Regel eingetragen.
- Lies die Angaben zu Finanzierung und Interessenkonflikten, denn dort steht, wer die Arbeit bezahlt hat.
- Schau dir an, wer die Nachricht verbreitet und ob der Absender selbst etwas verkauft, das damit zu tun hat.
Fazit
SenoMune-0257 ist eine Ankündigung, kein Ergebnis. Es gibt eine Pressemitteilung ohne Daten und einen Beitrag des Forschungschefs der Firma, in dem er das Peptid eine Krebs-Immuntherapie nennt. Ein Account, der auf einen Shop verlinkt, hat daraus dann ein Mittel gemacht, das Krebs heilen soll. Am Menschen erprobt wurde das Peptid nicht, und registriert ist auch keine Studie.
Das Immunsystem darauf zu trainieren, seneszente Zellen zu beseitigen, ist ein ernsthaftes Forschungsfeld – mit echten Erfolgen bei Mäusen und gemischten Ergebnissen beim Menschen. Ob dieses Peptid wirkt, wird man erst wissen, wenn Daten veröffentlicht sind und eine registrierte Studie Ergebnisse vorlegt. Bis dahin kann man es nicht kaufen, und eine Dosis dafür gibt es nicht.
Wenn du dir erst einmal die Grundlagen ansehen willst, beginne mit unserem Überblick Was sind Peptide?. Falls du hier genannt wirst und eine Tatsachenangabe für falsch hältst, erreichst du uns über unser Impressum.
Quellen
- @ItsPeptime auf X, 24. Oktober 2026, Beitrag zu SenoMune-0257
- Thomas Ichim (@exosome) auf X, 23. Oktober 2026, Beitrag zu SenoMune-0257
- Immorta Bio, 12. Oktober 2026, Immorta Bio Pioneers AI-Designed Senolytic Immunotherapy Targeting Diseases of Aging
- Immorta Bio, 26. Juli 2024, Immorta Bio Files IND for SenoVax for Advanced Lung Cancer
- Immorta Bio, 2. Oktober 2024, Diseases of Aging: Q&A with Dr. Thomas Ichim
- Immorta Bio, 24. September 2025, Preclinical Activity of SenoVax in a CTE Model
- Immorta Bio, 4. Dezember 2025, Reduction of Tumors Using SenoVax
- Immorta Bio, 8. Januar 2026, Immorta Bio Doubles Mouse Lifespan
- Immorta Bio, 11. März 2026, Dramatic Lifespan Extension in Aging Mouse Models
- Immorta Bio, 11. Juni 2026, Over 70% Increased Longevity in Aging Animals
- U.S. Securities and Exchange Commission, 16. Oktober 2026, Form D, Immorta Bio, Inc. (CIK 0002102665)
- ClinicalTrials.gov, 26. Oktober 2026, Suche nach SenoVax (für SenoMune und Immorta ebenfalls 0 Treffer)
- Immorta Bio, 30. Oktober 2025, WO2025226744A1: Senescent cell targeting T cell responses
- Ichim et al., Journal of Translational Medicine 2025, Reduction of solid tumors by senescent cell immunization
- Ichim et al., Journal of Translational Medicine 2026, Synergistic senolytic–regenerative therapy significantly extends healthspan and lifespan
- Chen and Sun, Journal of Translational Medicine 2026, Treatment benefit does not establish senolysis or lifespan extension
- Xie et al., Journal of Translational Medicine 2026, Letter to the editor: clinical translation of senolytic immunotherapy: critical considerations for SenoVax and beyond
- Veklych et al., Journal of Stem Cell Research & Therapeutics 2024, Can senolysis be used to overcome tumor immune evasion?
- Hayflick and Moorhead, Experimental Cell Research 1961, The serial cultivation of human diploid cell strains
- Coppé et al., PLoS Biology 2008, Senescence-associated secretory phenotypes reveal cell-nonautonomous functions of oncogenic RAS and the p53 tumor suppressor
- Baker et al., Nature 2011, Clearance of p16Ink4a-positive senescent cells delays ageing-associated disorders
- Baker et al., Nature 2016, Naturally occurring p16Ink4a-positive cells shorten healthy lifespan
- Xu et al., Nature Medicine 2018, Senolytics improve physical function and increase lifespan in old age
- Justice et al., EBioMedicine 2019, Senolytics in idiopathic pulmonary fibrosis: results from a first-in-human, open-label, pilot study
- UNITY Biotechnology, 17. August 2020, UBX0101 phase 2 12-week data (Form 8-K, Exhibit 99.1)
- Amor et al., Nature 2020, Senolytic CAR T cells reverse senescence-associated pathologies
- Suda et al., Nature Aging 2021, Senolytic vaccination improves normal and pathological age-related phenotypes and increases lifespan in progeroid mice
- Kang et al., Nature 2011, Senescence surveillance of pre-malignant hepatocytes limits liver cancer development
- Krtolica et al., PNAS 2001, Senescent fibroblasts promote epithelial cell growth and tumorigenesis
- Campisi, Annual Review of Physiology 2013, Aging, cellular senescence, and cancer
- Wieczorek et al., Frontiers in Immunology 2017, MHC class I and MHC class II proteins: conformational plasticity in antigen presentation
- Allele Frequency Net Database, 26. Oktober 2026, Allele report HLA-A*02:01
- Gonzalez-Galarza et al., Nucleic Acids Research 2020, Allele frequency net database (AFND) 2020 update
- Rosenberg et al., Nature Medicine 2004, Cancer immunotherapy: moving beyond current vaccines
- Park et al., Experimental Dermatology 2026, Plant-derived senolytic ingredient, Camellia sinensis root extract
- Baar et al., Cell 2017, Targeted apoptosis of senescent cells restores tissue homeostasis in response to chemotoxicity and aging
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Dieser Beitrag dient ausschließlich Informationszwecken und ersetzt keine medizinische Beratung. myPeptides gibt keine Dosierungsempfehlungen.